Besondere Merkmale

Besondere Merkmale VDA Band 2011
Besondere Merkmale VDA Band 2011

Besondere Merkmale BM

Besondere Merkmale (BM Merkmale) sind Produkt- oder Prozessmerkmale, die Auswirkungen auf die Sicherheit oder Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, die Passform, die Funktion, die Leistung oder auf die weitere Verarbeitung des Produktes haben können. Bei der Festlegung der Prüfungen sind besondere Anforderungen mit hohem RPZ (Risikoprioritätszahl) aus FMEA (Design- und Prozess FMEA) und wichtige Merkmale sowie vom Kunden vorgegebene SC (Signifikante) bzw. CC (kritische) Merkmale zu berücksichtigen. Das Kernteam sollte alle besonderen Merkmale identifizieren, die aus den wichtigen Produktmerkmalen verschiedener Quellen, bspw. Kundenvorgaben, Sicherheitsvorschrift etc. hergeleitet werden.

Kritische Merkmale sind dokumentationspflichtige Merkmale oder Merkmale die gesetzliche Vorgaben, Kundenforderungen oder die Risikominderung im Falle einer Produkthaftung beeinflussen können . Das ProdSG gilt gemäß §1 Satz 1: „wenn im Rahmen einer Geschäftstätigkeit Produkte auf dem Markt bereitgestellt, ausgestellt oder erstmals verwendet werden. Eine Markteinführung ist gemäß §3 nur dann erlaubt, wenn es bei bestimmungsgemäßer oder vorhersehbarer Verwendung die Sicherheit und Gesundheit von Personen nicht gefährdet.“

Symbolik Besondere Merkmale

Erläuterung zu besonderen Merkmalen
Erläuterung zu besonderen Merkmalen

Dokumentation und Kennzeichnung

Die IATF 16949 fordert, dass alle besonderen Merkmale in den Zeichnungen, in den Risikoanalysen (wie FMEA), in den Produktionslenkungsplänen und in den Arbeitsanweisungen mit den entsprechenden Symbolen der Kunden, durchgängig in allen relevanten Dokumenten gekennzeichnet werden müssen.

Bei der Verwendung von internen Symbolen muss eine Umwandlungstabelle festgelegt werden und dem Kunden auf Verlangen zur Verfügung gestellt werden (z.B. Erstbemusterung)

Die Organisation muss

  • Alle Merkmale in den Produktionslenkungsplan einbeziehen,
  • Den vom Kunden festgelegten Definitionen und Symbolen entsprechen,
  • Dokumente zur Lenkung des Produktionsprozesses einschließlich Zeichnungen, FMEA, Bedienungsanleitungen sind mit dem entsprechenden Symbol zu kennzeichnen

Besondere Merkmale

Die Rechtfertigung des möglichen Aufwandes durch die erhöhte Sorgfalt ergibt sich aus den möglichen Konsequenzen beim Versagen der Funktion.

  • Definition von CC-Merkmalen
  • Ermittlung und Klassifizierung der Forderungen
  • Dokumentation und Archivierung
  • Anforderung an die Archivierung
  • Pflichten als Entlastungsbeweis
  • Rückverfolgbarkeit
  • Nachweis gegenüber den Kunden
  • Prozesslenkung bzgl. Fertigung, Prüfung, Wartung, Handling, Lagerung, Verpackung, Konservierung, Versand, Transportsicherung und Transport

Besondere Merkmale BM (VDA Band 2011)

Besondere Merkmale sind Merkmale, die erhöhter Sorgfalt bedürfen und nicht über andere Prozesse geregelt sind. Dies schließt nicht aus, dass in diesen anderen Prozessen auch Wichtige Merkmale erkannt werden können. Unter „andere Prozesse, die geregelt sind“ werden Prozesse verstanden, die ähnlich wie der BM-Prozess, Merkmale klassifizieren und ggf. über die generell gebotene Sorgfalt hinausgehende Anforderungen definieren. Siehe auch Besondere Merkmale (BM) 1. Auflage 2011.

Aktivitäten zu BM sind interdisziplinär abzustimmen

  • Die Besonderen Merkmale der technischen Dokumentation werden an die jeweilige Produktion übergeben
  • Besondere Merkmale die in der technischen Dokumentation identifiziert worden sind, sind in allen notwendigen Dokumenten zur Lenkung des Produktionsprozesses zu berücksichtigen.
  • Es ist festzulegen, wie die Einhaltung der Besonderen Merkmale nachgewiesen wird
  • Die Überwachung der Besonderen Merkmale ist festzulegen
  • Die Rückverfolgbarkeit der Produkte mit Besonderen Merkmalen ist festzulegen.

BM S (Sicherheitsanforderungen

BM S: Sicherheitsanforderungen / Produktsicherheit / Sicherheitsrelevante Folgen, deren Fehlerhaftigkeit oder Ausfall eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben zur Folge haben kann. Zusätzlich müssen derartige Kausalverläufe vorhersehbar sein und dürfen nicht außerhalb aller Wahrscheinlichkeit liegen. Vermeidung von:

  • Ausfall Bremsen
  • Ausfall Lenkung
  • Ausfall Fahrfunktion
  • Unkontrollierten Antrieb

Anmerkung:

Dokumentation und Kennzeichnung sind für Besondere Merkmale analog zur IATF 16949 durchzuführen. Neu in der IATF 16949 ist, dass im Abschnitt 8.3.3.3 für die „Besonderen Merkmale“ eine Strategie gefordert wird, für die Lenkung und Überwachung von Produkten und Produktionsprozessen im Bezug auf Besondere Merkmale.

BM F (Forderungen und Funktion)

  • Wesentliche funktionelle Forderungen (Form, Fit, Toleranzen)
  • Fertigungstechnische Forderung (schwer herstellbar, usw.)
  • Hoher wirtschaftlicher Schaden beim Kunden oder beim Lieferanten

Anmerkung:
Bei den kritischen Merkmalen gemäß VDA Band 1, „Dokumentation und Archivierung“ handelt es sich um eine Teilmenge aus der Definition des Begriffs „Besondere Merkmale“. Dies sind BM S und BM Z.

BM Z (Zulassungsrelevante Merkmale)

BM Z: Zulassungsrelevante gesetzliche und behördliche Vorgaben zur Zeit des Inverkehrbringens des Produktes.

  • Zulassungsrelevant (z.B. Außenspiegel, Scheinwerfer)
  • Homologation (z.B. Abgas, Fahrzeugemissionen, KBA)
  • Gesetzesrelevant (Recycling, Gewährleistung)

Prüfung Realisierbarkeit

Im Rahmen des Projektmanagements bzw. der Vertragsüberprüfung müssen die daraus erwachsenden Verpflichtungen abgesichert werden. Für die besonderen Merkmale darf keine Sonderfreigabe und Abweicherlaubnis ohne Kunden Information erfolgen. Die besonderen Merkmale sind durch Prozessfähigkeitsnachweise oder 100% Kontrollen abzusichern.

Identifizierung besonderer Merkmale

Die aus der Definition resultierenden Merkmale sind in den internen Dokumenten und an den Anlagen zu identifizieren. Die Kennzeichnung bei dokumentationspflichtigen Merkmalen von Qualitätsaufzeichnungen, Produktions- und Prüfeinrichtungen erfolgt anhand einer deutlich erkennbaren Kennzeichnung als sicherheitsrelevantes Teil.

  • Zeichnungen/Stücklisten
  • Spezifikationen/Lastenhefte
  • Prozess FMEA
  • Produktionslenkungsplan
  • Prüf- und Werkeranweisungen
  • Verfahrensanweisungen und Produktionspläne (nur bei Dokumentationspflicht)
  • Qualitätsaufzeichnungen (Prüfberichte, Zertifikate) (nur bei Dokumentationspflicht)
  • Schulungs- und Unterweisungsnachweise (nur bei Dokumentationspflicht)
  • Prüfeinrichtungen (nur bei Dokumentationspflicht)
  • Montageeinrichtungen (nur bei Dokumentationspflicht)

Kennzeichnung

Dabei sind das Dokument selbst und das Merkmal im Dokument nochmals direkt zu kennzeichnen. Die Identifizierung von Produktionsunterlagen und Einrichtungen (z.B. Prüfpläne, Produktionslenkungspläne) beschränkt sich auf Arbeitsgänge, bei denen ein sicherheitsrelevantes Merkmal (CC) generiert oder verändert werden kann. Die Kennzeichnung bei Funktionsmerkmalen (SC) erfolgt direkt im Dokument beim festgelegten Merkmal. Das Dokument selbst muß nicht extra gekennzeichnet werden. Die Kennzeichnung für Funktionsmerkmale erfolgt mit einem „SC“ in den Dokumenten. Wenn vom Kunden gefordert, erfolgt die Kennzeichnung der Dokumente nach den Kundenvorgaben. Verantwortlich für die entsprechende Kennzeichnung ist z.B. das Projektmanagement.

Aktivitäten Prozessentwicklung

Definition Produktmerkmale

  • Produktmerkmale sind die Merkmale oder Eigenschaften eines Teils, einer Komponente oder Baugruppe, die in Zeichnungen oder anderen primären technischen Informationen beschrieben sind
  • Das Kernteam sollte alle besonderen Merkmale identifizieren, die aus den wichtigen Produktmerkmalen verschiedener Quellen, bspw. Kundenvorgaben, Sicherheitsvorschrift … Hergeleitet werden
  • Alle besonderen Merkmale müssen im PLP aufgelistet werden
  • Zusätzlich können weitere Produktmerkmale aufgelistet werden, die für die Prozessüberwachung wichtig sind

Definition Prozessmerkmal

  • Prozessmerkmale sind die Prozessparameter die in einem Ursachen- und Wirkungszusammenhang mit dem identifizierten Produktmerkmal stehen
  • Ein Prozessmerkmal kann nur zur Zeit seiner Entstehung gemessen werden
  • Das Kernteam sollte die Prozessmerkmale identifizieren, deren Streuung zur Minimierung der Produktstreuung überwacht werden muss.
  • Es kann ein oder mehrere Prozessmerkmale geben, die für ein einzelnes Produktmerkmal aufgenommen werden
  • In manchen Prozessen kann ein Prozessmerkmal mehrere Produktmerkmale beeinflussen

Aufbewahrungsdauer

Alle Dokumente und Qualitätsaufzeichnungen zu dokumentationspflichtigen Merkmalen unterliegen einer besonderen Nachweisführung und sind mindestens 15 Jahre nach der letzten Eintragung aufzubewahren (siehe auch VDA Band 1 Dokumentation und Archivierung). Der Aufbewahrungsort muß Schutz bieten gegen Licht, Feuer und Nässe. Produktaudits müssen für alle Artikel der Organisation die als CC (dokumentationspflichtige Teile) ausgewiesen sind, durchgeführt werden.

Anforderungen Archivierung

  • Ausreichenden Schutz gegen mögliche Gefahren (Feuer, Wasser) gew.
  • Schutz vor unberechtigten Zugriff und Schutz vor nachträglichen Änderungen von Dokumenten
  • Papierlösung: Originale sind aufzubewahren und abzulegen
  • EDV-Lösung: Die Dokumente müssen unveränderbar über die Archivierungs-zeiten abgelegt werden
  • Datenbanksysteme sind keine Archivierungssysteme weil ein Schutz vor nachträglicher Änderung nicht ausgeschlossen werden kann
  • Der Zugriff auf die Daten muss über ein Rechtesystem realisierbar sein
  • Archivierungsdauer beginnt mit der Ungültigmachung (Auslieferung des letzten Bauteils, auch Ersatzteil), gemäß den Anforderungen von QM-Systemen zur Lenkung von Dokumenten und Aufzeichnungen und wird mindestens 15 Jahre empfohlen

Dokumentationspflichtige Merkmale

Werden dokumentationspflichtige Merkmale (CC) in der Organisation verwendet, sollte ein Produktsicherheitsbeauftragter PSCR benannt werden. Der Produktsicherheitsbeauftragte hat durch Schulung und durch langjährige Berufserfahrung alle Kenntnisse zur Ausübung der gestellten Aufgaben erworben. Der PSCR hat die Befugnis, Einzelteile in der Produktion sowie Lieferungen von Dienstleister zu sperren, falls sicherheitsrelevante Abweichungen nicht ausgeschlossen werden können. Dokumentationspflichtige Merkmale (CC) nach IATF 16949 sind kritische Merkmale bzw. Sicherheitsmerkmale und haben Einfluss auf die Sicherheit und die gesetzlichen Vorgaben der Produkte. Funktionsmerkmale (SC) nach IATF 16949 sind signifikante Merkmale und haben Einfluss auf die Funktion von Produkten und damit auf die Kundenzufriedenheit der Endkunden.

Pflichten des Herstellers zum Entlastungsnachweis

  • Umsetzen eines „gelebten“ prozessorientierten Managementsystems
  • Festlegen von Verantwortung und Befugnisse
  • Durchführung interner und externer (Lieferanten) Audits
  • Einsatz von qualifizierten Personals im Umgang mit besonderen Merkmalen
  • Steuerung (Definition und Lenkung) der besonderen Merkmale in der Produkt- und Prozessentwicklung (Machbarkeit, FMEA, Produktionslenkungsplan, Prüfplanung etc.)
  • Lenken von fehlerhaften Produkten / Folgemaßnahmen (kurz, mittel und langfristig)
  • Sicherstellung der Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit
  • Änderungsmanagement
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Stefan Stroessenreuther

Consulting Qualitätsmanagement ISO 9001 | IATF 16949 Personenzertifizierter IATF 16949 und VDA 6.3 Auditor | Dozent IMB IntegrationsModell Bayreuth | Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Qualität